Tagungsbericht zum 44. Essener Gespräch zum Thema Staat und Kirche

Der ehemalige Hildesheimer Bischof Dr. Josef Homeyer mit Bischof Dr. Felix Genn und (von links) Dr. Burkhard Kämper, Essen, Professor Dr. Ansgar Hense, Bonn, Tagungsleiter Professor Dr. Christian Starck, Göttingen sowie Professor Dr. Jörg Winter, Karlsruhe und Präsident Dr. Hermann Barth, Hannover.

„Kirche im Umbau – Rückbau, Umbau und Neubau kirchlicher Institutionen“. Allein die Themensetzung des 44. Essener Gesprächs zum Thema Staat und Kirche am 9./10. März 2009 in der Wolfsburg versprach eine anregende und wohl auch kontroverse Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich die christlichen Kirchen im beginnenden 21. Jahrhundert vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, finanzieller und auch pastoraler Veränderungen bewähren können, ohne einen Bedeutungsverlust in inhaltlicher oder sozialer Wahrnehmung befürchten zu müssen.

 

Schon im Grußwort des scheidenden Bischofs von Essen, Dr. theol. Felix Genn, wurde dem Auditorium anhand des Beispiels „seines“ Ruhrbistums vor Augen geführt, wie tiefgreifend, aber auch wie systematisch ein Umstrukturierungsprozess betrieben werden kann. Das Bistum Essen ist besonders vom Rückgang der Gläubigenzahlen mit allen dazugehörigen Folgeprob-lemen betroffen, so dass Reformen auf Pfarreienebene als probates Mittel erschienen, um auch im 21. Jahrhundert eine wirksame und sinnhafte Pastoral zu ermöglichen. Zu diesem Zwecke wurde die Zahl der Pfarreien von 259 auf 43 reduziert. Diese Tendenz zur Großpfar-rei sollte auch im späteren Tagungsfortgang noch reichlich Diskussionsstoff bieten. Bevor Bischof Dr. Genn die Tagungsleitung in gewohnter Weise an Prof. Dr. iur. Christian Starck übergab, verabschiedete er sich vom Auditorium und den Tagungsverantwortlichen und be-tonte, dass die Essener Gespräche stets eine persönliche Bereicherung für ihn gewesen seien und er diese auch seinem – noch nicht feststehenden – Nachfolger ans Herz legen werde.

 

Eröffnet wurde die Tagung mit einer theologischen Grundlegung der Umstrukturierungs-problematik, sowohl aus katholischer als auch aus evangelischer Perspektive. So konnten als Referent für den katholischen Part Bischof em. Dr. phil. Dr. h.c. Josef Homeyer (Hildes-heim), für den evangelischen Part Dr. theol. Hermann Barth (Hannover), Präsident des Kir-chenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), gewonnnen werden. Die in praxi durchgeführten Umstrukturierungsmaßnahmen, deren kirchenrechtliche Verortung und Machbarkeit sowie bestehende staatskirchenrechtliche Bezüge wurden für den katholischen Bereich am Nachmittag von Prof. Dr. iur. Ansgar Hense (Bonn/Dresden), dem juristischen Referenten des Institutes für Staatskirchenrecht der Diözesen Deutschlands, dargestellt. Am Folgetag sprach Prof. Dr. iur. Jörg Winter (Karlsruhe), Oberlandeskirchenrat der Badischen Landeskirche i.R., über die konkreten Strukturreformen in den evangelischen Landeskirchen.

 

Unter dem Referatstitel „Rückbau, Umbau und Neubau kirchlicher Institutionen. Theologi-sche Perspektiven“ oblag Bischof Dr. Dr. Homeyer der Einstieg in die Problematik unter Zugrundelegung der katholischen Dogmatik. Kernpunkte seiner Ausführungen waren zu-nächst, dass der Reformprozess der kirchlichen Institutionen einerseits den faktischen Bedin-gungen der Zeit, andererseits normativ-theologischen Geltungsbedingungen unterliege. Das kirchliche Selbstverständnis, wonach die Kirche als „Volk Gottes“ in Verbundenheit mit Je-sus Christus als Haupt dessen messianische Sendung in alle Welt bezeugen soll, müsse Grundlage und Leitlinie der Umstrukturierung sein. Schon die dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ bekunde, dass die Verkündigung des Evangeliums inhaltliches Ziel der Kirche sei (vgl. LG 1,1). Homeyer gab jedoch zu bedenken, dass die Vermittlung des Evangeliums an der gegenwärtigen Gesellschaft auch teilweise scheitere. Die Schlagworte Gläubigenrückgang, Kirchensteuereinbußen, Priestermangel, zunehmende Säkularisierung u.v.m. bilden nur einen ersten vorsichtigen Ausblick auf die Dimension der Problematik. Ein Rückzug aus der missionarischen Verpflichtung sei aber nicht zweckdienlich, dem Christen-tum per se sogar verwehrt! Vielmehr gelte es, den neuen Herausforderungen zu begegnen. Diese Ansätze wurden nunmehr in verschiedenen Maßnahmen konkretisiert. So sei zum einen das Konzept von territorial vergrößerten Pfarreien zu verfolgen, wonach viele kleinere Pfar-reien zu großen Pfarrverbänden zusammengefasst werden. Ebenso sollen die Feier der Eucha-ristie und die in diesem Rahmen vorgesehene Verkündigung noch deutlicher als bisher der hervorgehobene Ort der Ausübung des Hirtenamtes sein. Zum anderen gelte es auch, Laien und Hauptamtliche bei der Verkündigung des Evangeliums verstärkt in die Pflicht zu nehmen. Diese sollen als Multiplikatoren des Evangeliums dienen und eine Kontaktaufnahme mit breiteren Schichten ermöglichen. Zum Abschluss verwahrte sich Bischof Homeyer leiden-schaftlich gegen Darstellungen, die Pastoral befinde sich im Zustand der „Katastrophe“, viel-mehr sei durch diese Strukturreform nun ein pastoraler Wendepunkt möglich.

Den zweiten Teil der theologischen Grundlegung bildete das Referat von Dr. theol. Hermann Barth unter der Themenstellung „Von falschen Alternativen, Risikovermeidung und anderen Gefahren für eine Kirche im Wandel“. Dr. Barth betonte zunächst, dass die Terminologie von der „Kirche im Wandel“ stets eine doppelte Stoßrichtung habe. Sie sei nicht nur ein Reakti-onsprozess auf bestehende Veränderungen, sondern die Kirche selbst verstehe sich von ihrer Ekklesiologie her immer als eine Kirche im Wandel („ecclesia reformata semper reforman-da“). Als Reaktion auf diese strukturellen Veränderungen haben die evangelischen Landes-kirchen einen anderen Weg als die katholische Kirche in Deutschland gewählt. Zunächst wur-de klargestellt, dass sich die evangelischen Kirchen nur in Zusammenarbeit miteinander er-neuern können. Mangels hierarchischer Struktur ginge dies über den Weg des government by discussion, erfasst seien aber alle drei Ebenen der kirchlichen Grundstruktur, der regionalen, der gliedkirchlichen und der gesamtkirchlichen Ebene. Im Einzelnen ließen sich die evangeli-schen Reformbestrebungen wie folgt zusammenfassen: So starte man Qualitätsoffensiven speziell im Blick auf den Gottesdienst und die Kasualien, die Mission in der Region und bzgl. der Leitung und Führung auf allen kirchlichen Ebenen. Kernpunkt aller Überlegungen sei, auf welchen Ebenen es Schnittmengen gebe und wie diese effizienter zusammengelegt und opti-miert werden können. So führte Dr. Barth als Beispiel für diesen Optimierungsprozess etwa die Zusammenlegung verschiedener Landeskirchen an, so etwa in jüngster Zeit die Entste-hung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) sowie der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Derzeit noch im Verhandlungsprozess befindlich sei das Projekt der Bildung einer Nordkirche. Der Ansatz der Reformen ist also prinzipiell ein anderer als auf katholischer Seite. Reformen finden vermehrt auf Ebene der Landeskirchen statt, wohingegen die katholische Kirche auf eine Strukturreform an der Wur-zel, d.h. auf Pfarreienebene drängt. Dr. Barth warnte schließlich auch vor den Gefahren einer jedweden Strukturreform. Es gebe keine schlechteren Ratgeber als schlechte Alternativen, ein unbedachtes „Entweder-oder“-Schema sei nicht hilfreich, vielmehr müsse man sich an Mat-thäus 23,23 orientieren, nämlich „das eine zu tun und das andere nicht zu lassen.“ Für die Zu-kunft zeigte sich Dr. Barth optimistisch: Kirchlichen Wandel müsse man als Chance erfassen, die positive Grundstimmung „Aufbruch statt Abbruch“ müsse überwiegen.

 

In der anschließenden Diskussion ging es schwerpunktmäßig um die Frage nach den konkre-ten Folgen einer Pfarreienzusammenlegung. Es wurden Bedenken geäußert, dass beim Fusi-onsprozess von Gemeinden etwas verloren gehen könnte, denn Strukturen mögen aus norma-tiv-theologischer Sicht variabel sein, aber sie haben auch ganze Regionen in ihrer Entwick-lung geprägt. Insofern erscheine fraglich, ob es ratsam sei, dem antistrukturellen Zeitgeist zu folgen. Bischof Dr. Homeyer zeigte Verständnis für die Nachfragen, betonte aber, dass eine Gefahr der Unterschätzung von Strukturen nicht bestehe, sondern eher eine Gefahr der Unter-schätzung einer gesellschaftlichen Mentalitätsänderung. Zeigten sich überall in der Gesell-schaft Tendenzen der Rationalisierung und der Säkularisierung, könne die Kirche auch nicht mehr in jedem Bereich (Schule, Freizeit, Pastoral etc.) ein vollumfängliches Programm an-bieten. Es müsse nun verstärkt auch Aufgabe der getauften Gläubigen sein, als Kirche zu wir-ken und das Evangelium zu verkünden. Diesbezüglich sei das Potential noch lange nicht aus-geschöpft. Ferner wurde vereinzelt kritisiert, dass die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) erst im Jahre 2007 fundiert über Strukturreformen beraten hat, wohingegen die Evangelische Kir-che in Deutschland schon seit bedeutend längerer Zeit konkrete Umgestaltungsvorstellungen vorweisen könne. Dieses Lob wurde von Dr. Barth gerne aufgenommen, jedoch in der Folge auch wieder relativiert. Die Initiativen der EKD seien begrüßenswert und die kleinen und großen Landeskirchen zeigten sich engagiert, aber vor allem einzelne Personen in der Kir-chenleitung machten den Unterschied, ohne diese hätten die evangelischen Umstrukturie-rungsmaßnahmen nie die heutige Gestalt gewinnen können. Ebenso wie Bischof Dr. Homeyer legte Präsident Dr. Barth Wert auf die Feststellung, dass in Zukunft die Feier des Gottes-dienstes einen mehr als sonst hervorgehobenen Stellenwert einnehmen werde, wenngleich die Problematik des Priestermangels nicht so gravierend sei wie auf katholischer Seite.

 

Am Nachmittag sprach Prof. Dr. Ansgar Hense in seinem Referat über „Stabilität und Flexi-bilität – Strukturveränderungen in den Diözesen im Focus des Kirchen- und Staatskirchen-rechts“ und beschränkte sich dabei auf die Strukturreformen auf der Ebene der Pfarreien. Der ausführliche und fundierte Vortrag begann mit einer aktuellen Berichterstattung von Einzel-fallbeispielen, etwa dem aktuellen Umstrukturierungsprozess im Bistum Essen sowie der ge-sellschaftlichen und medialen Rezeption derselbigen. In einer Tour d’horizon skizzierte Prof. Hense die Entwicklungsgeschichte der Pfarrei und stellte heraus, dass es sich bei dieser kano-nisch-rechtlich um ein Rechtsinstitut von „langer Dauer“ handele. Nach dem CIC/1917 sei die Pfarrei kein einheitliches Rechtssubjekt gewesen, vielmehr sei im Regelfall von zwei ver-schiedenen Rechtspersönlichkeiten auszugehen gewesen, der Pfarrpfründe und der Pfarrkir-chenstiftung. Der von den Ergebnissen des 2. Vatikanischen Konzils geprägte CIC/1983 ver-stehe die Pfarrei nunmehr in c. 515 § 1 als eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen, die in einer Teilkirche auf Dauer errichtet ist und deren Hirtensorge unter der Autorität des Diö-zesanbischofs einem Pfarrer als ihrem eigenen Hirten anvertraut werde. Jede rechtmäßig er-richtete Pfarrei sei gem. c. 515 § 3 CIC/1983 von Rechts wegen auch juristische Person des kanonischen Rechts. Als Gründe für die gegenwärtige Kritik und Krise der Pfarreistruktur ließen sich diverse Gründe aufführen, so etwa Industrialisierung, Urbanisierung, Mobilität neben der Problemtrias Priestermangel, Finanzprobleme und Gläubigenmangel. Prof. Hense beschrieb im Folgenden die Grundtypen struktureller Organisationsreformen in den deutschen Diözesen und verengte sie auf drei Grundformen, namentlich den Pfarreienverbund, die Pfar-reiengemeinschaft und die Zusammenlegung/Fusion. Daraufhin wurde die Pfarrei im kirchen-rechtlichen Kontext des CIC/1983 verortet und analysiert. Gem. c. 374 § 1 sei jede Diözese in Pfarreien aufzuteilen, sie bildeten sozusagen die organisatorische Grundeinheit der Diözese. Die Pfarrei sei aber kein Erfordernis des göttlichen Rechts (ius divinum), sie sei eine Gemein-schaft von Gläubigen. Nach der kanonisch-rechtlichen Konzeption seien die Gläubigen nicht mehr Objekte der Seelsorge, sondern vielmehr ein aktiver Teil. Sie hätten Teil an der Sendung Christi. Grundsätzlich sei die Pfarrei aber keine unabänderliche Struktur, die kirchenrechtli-che Kerninstitution bleibe die Diözese. Die einzelnen kodikarischen Organisationsformen ließen sich wie folgt darstellen: Der nach dem CIC von 1983 gegebene Normalfall sei in c. 526 § 1 CIC/1983 normiert, wonach eine Pfarrei jeweils einen Pfarrer haben solle. Doch schon im Normtext selbst finde sich die erste Ausnahme zur Grundregel: Ein Pfarrer dürfe auch mehrere Pfarreien betreuen, etwa wegen vorliegenden Priestermangels (sog. Pfarreien-Kumulation), dies allerdings nur, wenn die Pfarreien territorial beieinander liegen. Eine weite-re Ausnahme ermögliche c. 517 § 1 CIC/1983 mit dem Modell der Teampfarrei, einem neuem kirchlichen Rechtsinstitut, das die solidarische Leitung einer Pfarrei ermögliche. An der Spit-ze dieses Teams stehe hier ein sog. Moderator, wobei das Pfarramt als solches von allen ge-meinsam wahrgenommen werde. Hier sei die territoriale Nachbarschaft der Pfarreien keine Voraussetzung. Ebenso denkbar sei nach c. 517 § 2 CIC/1983 aber auch die „pfarrerlose“ Gemeindeleitung, wobei die Norm schon seit Jahrzehnten umstritten sei. Der vom jeweiligen Diözesanbischof zu bestimmende Priester sei hier gerade nicht Leiter der Pfarrei. Prof. Hense verwahrte sich gegen Ansichten, die Norm könne als eine Art „Rahmengesetz“ für neue Seel-sorgestrukturen angesehen werden. Umstritten sei aber die Frage, ob nicht c. 517 § 2 CIC/1983 ein neues Kirchenamt schaffe. Prof. Hense schloss seine Ausführungen mit ausge-wählten kirchen- und staatskirchenrechtlichen Begleit- und Folgeerscheinungen von Struktur-reformen und wies auf Auswirkungen auf das kirchliche Arbeitsrecht sowie das kirchliche Vermögens- und Stiftungsrecht hin. Letztlich wurde allerdings optimistisch hervorgehoben, dass ein kircheninterner Umbau der Strukturen nach dem Sendungsprofil der Kirche möglich sei und in jedem Umbau auch die Chance eines Neubeginns liege.

 

In der anschließenden Diskussion wurde hervorgehoben, dass Pfarreifusionen das theologisch wohl angemessenste Mittel seien. Die Teampfarrei wurde als problematisch angesehen, da es hier – auf zwischenmenschlicher wie auf fachlicher Ebene – gelingen müsse, aus selbstver-antwortlich Handelnden ein Team zu bilden. Hinterfragt wurde, ob der innerkirchliche Um-strukturierungsprozess möglicherweise auch im Staat-Kirche-Verhältnis neue Perspektiven für beide Seiten geriere. So könnte sich der Staat möglicherweise am karitativen Dienst betei-ligen oder etwa im Denkmalrecht zur Kenntnis nehmen, dass identitätsstiftende Kirchenge-bäude auch öffentliche Gebäude seien. Der bau- und denkmalrechtliche Aspekt wurde im Folgenden weiter vertieft. So wurde bedacht, dass der Rückzug der Kirche aus der Gesell-schaft auch sachen-, denkmal- und verwaltungsrechtliche Fragen aufwerfe und dies gerade nicht nur im kirchlichen, sondern vor allem im staatlichen Recht. Was geschehe mit geschlos-senen bzw. entwidmeten kirchlichen Einrichtungen wie Kirchengebäuden, Kindertagesstätten usw.? Die Kirche habe hier eine Verantwortung, die Würde der Bauwerke sicherzustellen, andernfalls lägen Formen „objektiver Blasphemie“ vor. Auch für die im Eigentum des Staates stehenden sakralen Gebäude, die den Kirchen überlassen werden im Sinne einer Staatsleis-tung, sei überlegenswert, auf diese Staatsleistung ggf. zu verzichten. Prof. Hense betonte zwar, dass die Dignität der Gebäude eine würdige Weiternutzung prinzipiell gebiete, jedoch der Staat nicht alle Gebäude übernehmen könne, es gebe auch Zumutbarkeitsgrenzen. Es sei kein hundertprozentiger rechtlicher Schutz möglich. Bei allen strukturellen Fragen wurde in der Diskussionsrunde nicht übersehen, auch die Belastung der einzelnen Pfarrer ins Blickfeld zu nehmen und zu hinterfragen, inwieweit diese an die Grenzen ihrer – physischen wie psy-chischen – Belastbarkeit stießen, tragen sie doch die Hauptlast des Umbaus.

 

Am zweiten Tag der 44. Essener Gespräche wurde Prof. Dr. iur. Jörg Winter das Wort erteilt zum Thema „Strukturreformen in der evangelischen Kirche – Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken“. Ein soziologischer Befund über die demographische Entwicklung und deren Auswirkungen auf den Gläubigenbestand in den Evangelischen Landeskirchen bildete den Auftakt zu einer weit reichenden und spannenden Erörterung der Problematik. Die demogra-phische Entwicklung, zahlreiche Kirchenaustritte und nachlassende finanzielle Möglichkeiten stellten sich auch in den Evangelischen Kirchen als Grundproblem dar. Die Forderung nach grundlegenden Strukturreformen betreffe zum einen die Organisation der Evangelischen Kir-che in Deutschland als ganzer, aber auch die Frage nach der Zukunftsfähigkeit ihrer Gliedkir-chen in ihrem heutigen territorialen Zuschnitt. Nicht zuletzt stehe die Gemeinde als örtliche Parochie auf dem Prüfstand. Ein wesentliches Ziel der Reformen liege darin, die Gemein-schaft der Landeskirchen im Verbund der Evangelischen Kirche in Deutschland zu stärken. So schlossen sich zum 1. Juli 2003 etwa die Evangelische Kirche der Union (EKU) und die Arnoldsheimer Konferenz zur Union Evangelischer Kirchen (UEK) zusammen. Die beteilig-ten 13 Mitgliedskirchen verbinde das reformatorische Bekenntnis ebenso wie liturgische und kirchenrechtliche Übereinstimmungen. Ziel des Zusammenschlusses sei wie angesprochen eine Stärkung der EKD. Weitere Zusammenschlüsse auf landeskirchlicher Ebene seien durch die Bildung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) erfolgt. Geplant sei zudem eine Fusion der Landeskirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern zu einer großen evangeli-schen Kirche im Norden. Durch diese Maßnahmen erhoffe man sich finanzielle Einsparungen, bessere Kommunikationsmöglichkeiten und weitere Synergieeffekte. Die Stärkung der EKD, v.a. im Bereich der Gesetzgebungskompetenzen, sei auch im Hinblick auf ein verstärktes Tä-tigwerden im europäischen Rahmen wichtig, da eine zu starke Rechtszersplitterung innerhalb der EKD im europäischen Einigungsprozess nur hinderlich sei.

Prof. Winter stellte anhand eines historischen Exkurses fest, dass vor allem staatsrechtliche und politische Gründe stets den Weg hin zu einer Union verbaut hätten und diese staatskir-chenrechtlichen Zusammenhänge heute keine Rolle mehr spielen können. Der von der Leuen-berger Konkordie von 1973 vorgezeichnete Weg, die unterschiedlichen Bekenntnisbindungen nicht mehr als trennendes Hindernis für die Erklärung der vollen Kirchengemeinschaft anzu-sehen, eröffne nun auch die Möglichkeit einer gemeinsamen rechtlichen Organisationsstruk-tur. Ziel der Konkordie sei die volle Kirchengemeinschaft und die Verhinderung einer Ver-festigung der Trennung gewesen. Eine Rücksichtnahme auf die Bekenntnisse müsse jedoch gewährleistet sein. Dem werde auch in Art. 4 Abs. 2 der Verfassung der EKM Rechnung getragen, wonach die Rechtssetzung der neuen Landeskirche den Bekenntnisstand der Ge-meinden nicht verletzen darf.

Fazit: Ebenso wenig wie bei der Katholischen Kirche ist die Grundstruktur der Evangelischen Kirche in Deutschland theologisch begründet, mithin ist sie umbaufähig. Allerdings dürfe man nicht dem Irrglauben verfallen, die jeweilige Kirchenorganisation sei nur eine reine Zweckmäßigkeitserwägung. Den staatskirchenrechtlichen Rahmen des Grundgesetzes, der den christlichen Kirchen in Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 5 S.1 WRV den Status der Kör-perschaft des öffentlichen Rechts zuspricht, werde man ausschöpfen, da er die Entfaltung der Religionsfreiheit und die Unterstützung der Eigenständigkeit und der Unabhängigkeit der Kirche ermögliche. Es bestehe daher kein Anlass dazu, kirchliche Aufgaben in Zukunft in den Formen des Privatrechts wahrzunehmen. Abschließend begrüßte Winter den Prozess der Bün-delung von Kompetenzen und zog eine positive Bilanz der bisherigen Umstrukturierungs-maßnahmen, warnte aber wie seine Vorredner davor, bei einem Rückzug aus kirchlichen Kernbereichen nicht dem missionarischen Ziel der Kirche zuwider zu laufen.

 

Anregend und vielseitig wie der vorherige Vortrag verlief die anschließende Diskussion. So wurden zunächst im Zusammenhang mit der Zusammenlegung von Landeskirchen arbeits-rechtliche Probleme ausgemacht. Gegenstand der Erörterung war daneben die Frage nach der Zukunft der EKD. Sollte diese in ihrer Konzeption auf eine „Bundeskirche“ zugeschnitten werden, sei wohl mit dem Widerstand der Landeskirchen zu rechnen. Universalität und Parti-kularität als Grundsätze seien beachtlich, ist doch das Wesen des Protestantismus die Landes-kirche. Alle darüber hinausgehenden Strukturen müssen mit dem gemeinsamen Verkündi-gungsauftrag korrespondieren. Fraglich erschien ferner, ob eine stärkere EKD ohne fixiertes Bekenntnis überhaupt denkbar sei oder ob man als gemeinsame theologische Grundlage auf die Barmer Theologische Erklärung zurückgreifen solle. Winter hielt einen solchen Rückgriff auf die Barmer Erklärung für denkbar, als gemeinsames Grundverständnis könne man aber auch auf die Confessio Augustana verweisen. Kontrovers erörtert wurde, ob man die landes-kirchliche Verfasstheit der EKD als Stärke oder als Schwäche des Protestantismus deuten solle. Hier argumentierte Dr. Barth, dass das föderative System in der EKD zunehmend bes-ser funktioniere und die Landeskirchen besser zusammenführe. So gebe es im Wesentlichen drei Gründe für die Stärke des gegenwärtigen Systems: die Möglichkeit der einheitlichen Klä-rung überlandeskirchlicher Fragen, die Eigenschaft als naturgemäßer Sprecher in der Ökume-ne gegenüber der römisch-katholischen Kirche sowie ein starker Zusammenschluss als Ge-genüber zur bundespolitischen Ebene. Prof. Winter relativierte im Folgenden, dass es eine grundlegende Schwäche der EKD sei, landeskirchlich verfasst zu sein, es allerdings genügend Beispiele gebe – vor allem im Dienstrecht –, bei denen die Landeskirchen noch nicht kon-struktiv zusammenarbeiten.

 

Als Tagungsleiter Prof. Dr. Christian Starck die Tagung beendete, die erneut anregende Dis-kussionen und einen ertragreichen wissenschaftlichen Diskurs ermöglichte, unterstrich er, dass im Hinblick auf die theologischen Grundsatzvorträge zu Beginn der Tagung trotz aller theologischen Differenzen doch auch Gemeinsamkeiten vorhanden seien. So könne es keine Reform ohne eine theologische Rückbindung geben. Möglicherweise herrsche in der Evange-lischen Kirche hier aber eine größere Gestaltungsfreiheit. Das Schlusswort sprach Dr. iur. Burkhard Kämper in Vertretung des bereits auf dem Weg nach Münster befindlichen Bischofs Dr. Felix Genn. Dem von Dr. Kämper ausgesprochenen Dank an die Tagungsverantwortli-chen, die erneut einen reibungslosen und angenehmen Ablauf der Essener Gespräche ermög-lichten, kann von Seiten der Tagungsteilnehmer nur beigepflichtet werden. Mit freudiger Er-wartung darf man dem nächsten Essener Gespräch zum Thema Staat und Kirche im Frühjahr 2010 entgegensehen.

 

Markus Schulten, Mag. Iur. (Köln)