Geschichte

Einführung

Der Staatsrechtslehrer Prof. Dr. Josef Isensee stellte in seiner Rede beim 20. Essener Gespräch im März 1985 fest, dass die Essener Gespräche „noch keinen einigermaßen plausiblen Gründungsmythos“ hätten.

Das ist nicht ganz zutreffend. Der sog. „Gründungsmythos“ der Essener Gespräche ergibt sich aus dem politisch-sozialen sowie kirchen- und rechtshistorischen Kontext der 1960er Jahre.

Die Retrospektive auf die Gründungszeit der Essener Gespräche zeigt: die „Gründerväter“ erwiesen bei ihrer Idee und deren Ausgestaltung eine unfassbare Weitsicht. Mit den Essener Gesprächen zum Thema Staat und Kirche gründeten die Herren Prof. Dr. Heiner Marré, Dr. Paul Hoffacker, Prof. Dr. Hans Maier und Generalvikar Joseph Krautscheidt eine überkonfessionelle und interdisziplinäre Fachtagung, die seit Jahrzehnten aufgrund ihres hohen wissenschaftlichen Standards bundesweites Ansehen genießt und eine herausragende Bedeutung erlangt hat.


Im Jahr 2016 findet bereits das 51. Essener Gespräch statt.

 

Zeitlicher Hintergrund

Die 60er-Jahre des vergangenen 20. Jahrhunderts waren bewegende Zeiten mit politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüchen. Um nur ein paar der prägenden Momente zu nennen:


  • Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das von Papst Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962 eröffnet und von seinem Nachfolger, Papst Paul VI., am 8. Dezember 1965 beendet wird, erlebt die Katholische Kirche einen Erneuerungsprozess, an deren Ende neben der Liturgiereform unter anderem auch die Öffnung zum interkonfessionellen Dialog steht. Der Gedanke der ökumenischen Begegnung wird lebendig.


  • Der noch jungen Bundesrepublik Deutschland stehen politisch heikle Zeiten bevor. Nach dem Bau der Berliner Mauer (1961) erheben sich deutsche Studierende zum Protest gegen das Wettrüsten im kalten Krieg, das „Establishment“, gegen als veraltet empfundene Normen und Konventionen. Der Erlass der Notstandsgesetze (1968) treibt die Protestbewegung auf die Barrikaden. Die Große Koalition sieht sich einer „außerparlamentarischen Opposition“ gegenüber. Kritik und Zweifel an der repräsentativen Demokratie werden laut.

 

Infolge dieser Ereignisse setzen sich vor allem junge Menschen mit den Wert- und Normvorstellungen der BRD auseinander. Der Begriff der „68er-Generation“ geht in die Geschichte ein. Auch die Grundfragen der hochsensiblen Beziehungen von Staat, Kirche und Gesellschaft wurden sehr engagiert, ja kämpferisch diskutiert.

 

Einige Jahre vor dem Höhepunkt 1968 kommt drei jungen Rechts- und Politikwissenschaftlern die Idee der Schaffung eines kontinuierlichen interdisziplinären und überkonfessionellen Gesprächs über aktuelle Staat-Kirche-Fragen. Unterstützung erfahren sie dabei vom Generalvikar des Bistums Essen sowie vom ersten Ruhrbischof, Kardinal Hengsbach.

 

Den Anfang der Essener Gespräche hat Prof. Dr. Heiner Marré in seinem Kalender exakt festgehalten. So ist es noch heute möglich, den Vorgang der "Gründertage" genau nachzuvollziehen. Auf den folgenden Seiten sind die Originaldokumente einzusehen.

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