Die Entstehung (1965/1966)

Die Tagebuchaufzeichnungen von Prof. Dr. Heiner Marré

Die Idee entsteht

Festgehalten: Gemeinsames Essen im Hause Marré und Vortrag von Hans Maier
Festgehalten: Gemeinsames Essen im Hause Marré und Vortrag von Hans Maier

Am 18. Oktober 1965 treffen sich der damals 36-jährige Jurist des Bistums Essen, Dr. Heiner Marré, und der 34-jährige Geschäftsführer der Bischöflichen Aktion Adveniat, Dr. Paul Hoffacker, zum gemeinsamen Abendessen im Hause Marré in Gladbeck.
Anschließend geht es gemeinsam zum Vortrag eines jungen Münchener Politikwissenschaftlers - Professor Hans Maier (34). Professor Maier war einer Einladung der Ortsvereinigung Gladbeck des Katholischen Akademikerverbandes gefolgt. Das Thema seines Vortrags lautet "Kirche und Demokratie".

 

Begeistert vom Vortrag entsteht im Anschluss daran ein belebtes Gespräch zwischen den drei Männern, direkt auf der Gladbecker Hochstraße. Um das Gespräch fortsetzen zu können, schlägt man den Weg zum Hotel Wormland ein. Dort angekommen, entsteht im Laufe des Austauschs die Idee, ein kontinuierliches Gespräch zu aktuellen Staat-Kirche-Fragen zu begründen. Es soll interdiszplinär und überkonfessionell sein. Bezüglich letzterer Eigenschaft setzen die drei jungen Männer somit wesentliche Aspekte des Zweiten Vatikanischen Konzils in die Tat um, das zeitlich gesehen erst zwei Monate später seinen Abschluss finden sollte.

 

Doch wo soll dieses kontinuierliche Gespräch stattfinden? Heiner Marré will Kontakt zu Generalvikar Joseph Krautscheidt aufnehmen.

Das entscheidende Gespräch im Generalvikariat

Von 16-19 Uhr beim Generalvikar
Von 16-19 Uhr beim Generalvikar

Am 02. Dezember 1965 (sechs Tage vor Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom) kommt es zu einem entscheidenden Gespräch zwischen Heiner Marré, Paul Hoffacker, Hans Maier und Generalvikar Joseph Krautscheidt.

Sie disktuieren über die neueste Entwicklung des Staatskirchenrechts sowie über das Verhältnis Kirche-Staat-Gesellschaft.

Die Idee einer Fachtagung, die solche aktuellen Fragen diskutiert, kommt bei Generalvikar Krautscheidt gut an. "Generalvikar Joseph Krautscheidt besaß einen wachen und sicheren Instinkt für die Bedeutung für Staat-Kirche-Fragen.", weiß Heiner Marré rückblickend im Jahr 2005 zu erzählen.

Im selben Jahr merkt Paul Hoffacker an: "Joseph Krautscheidt war das juristische Unikat in Soutanelle. Er war unser (Heiner Marré, Paul Hoffacker, Anm.) gemeinsamer Lehrmeister."

Darum wird der Generalvikar gebeten, auch Bischof Hengsbach mit einzubeziehen.

 

Konkrete Planung im Bischofshaus

"Treffen in der Wolfsburg geplant"
"Treffen in der Wolfsburg geplant"

Am 08. Januar 1966 kommt es zu einem Gesprächskreis im Bischofshaus. Das Thema: "Staat-Kirche-Fragen unter Bezugnahme auf die Kirchensteuer-Urteile des BVerfG von 1965. Die Teilnehmer: Bischof Hengsbach, Generalvikar Krautscheidt, Prof. Dr. Peters (Präsident der Görresgesellschaft), Heiner Marré, Dr. Evers von der Rota Romana und Bundesverfassungsrichter Scholtissek.

Bei einem anschließenden Austausch kommt es zur Befürwortung eines Treffens zum Thema Staat - Kirche. Geplant wird, dass dieses Treffen in der "Wolfsburg" stattfinden soll.

 

 

Das erste Essener Gespräch (27./28.08.1966)

"Glänzender Vortrag"
"Glänzender Vortrag"

Das erste Essener Gespräch weist noch nicht viel von der "äußerlichen Tradition" späterer Tagungen auf. Es findet nicht im Frühjahr, sondern am 27. und 28. August statt. Der Tagungsort ist zunächst auch nicht die Wolfsburg (obwohl dies schon angedacht war), sondern das Priesterseminar in Essen-Werden.

Vorbereitet wird die Tagung von Heiner Marré und Paul Hoffacker.

An jenem 27. August 1966 hält Bischof Hengsbach um 10:30 Uhr die Eröffnungsrede, die Heiner Marré ihm verfasst hat.

36 Teilnehmer zählt das erste Gespräch, welches der damals 35-jährige Heiner Marré als "Tagung zum Thema Staat und Kirche in der Bundesrepublik" in seinem Kalender festhält. Der erste Tagungsleiter ist Prof. Dr. Ulrich Scheuner.

Namhafte Persönlichkeiten aus der Wissenschaft sind von Beginn an mit von der Partie. Heiner Marré notierte sich: "Glänzender Vortrag von Prof. Maier, München". Als Referent tritt auch Prof. Dr. Alexander Hollerbach in Erscheinung, der fast zwei Jahrzehnte später die Tagungsleitung übernehmen wird.

 

 

Erinnerungen an die Gründungszeit

In seinem Buch „Böse Jahre, gute Jahre“, das Professor Hans Maier anlässlich seines 80. Geburtstages im Frühjahr 2011 veröffentlichte, hat er seine Sicht bezüglich der Entstehung der Essener Gespräche niedergeschrieben:

 

1965 hielt ich – parallel zu den Beratungen des Konzils – zahlreiche Vorträge über aktuelle Staat-Kirche-Fragen in Deutschland. Einer über „Kirche und Demokratie“ führte mich am 18. Oktober nach Gladbeck, wo ich Heiner Marré kennenlernte – einen Fachmann für Fragen der Kirchenfinanzierung und des Kirchensteuerrechts. Im Gespräch kamen wir darauf, dass für den nötigen Austausch über die Probleme von Staat und Kirche nach dem Konzil ein Gremium neuer Art geschaffen werden müsste, überkonfessionell und interdisziplinär – also über das hinausreichend, was die „Vereinigung der deutschen Staatsrechtslehrer“ bei ihren Jahrestreffen an aktuellen Rechtsfragen behandelte. Dort waren Staat-Kirche-Fragen ein Thema unter anderen – hier sollten sie in den Mittelpunkt gerückt werden. Am 2. Dezember 1965 fand ein Gespräch mit dem Essener Generalvikar Joseph Krautscheidt statt, der als „juristisches Unikat in Soutane“ galt, an dem Paul Hoffacker, Referent im ZdK und später Geschäftsführer von Adveniat, Heiner Marré und ich teilnahmen. Das war der „Startschuss“ für die Essener Gespräche zum Thema Staat und Kirche“, die im August 1966 begannen – der Ruhrbischof Franz Hengsbach hatte sich die Sache zu eigen gemacht, der renommierte Staatsrechtslehrer Ulrich Scheuner übernahm die Leitung (später folgten ihm Ernst Friesenhahn, Alexander Hollerbach und Christian Starck nach).

Die „Essener Gespräche“ wurden zur „Frühjahrsbörse des deutschen Staatskirchenrechts“ (Hollerbach), aber mehr als das: Sie sorgten für die nötige theologische, historische und soziologische „Rahmung“ der jeweiligen Rechtsthematik. Auch diese Gründung kam zur rechten Zeit. In den folgenden Jahrzehnten traten dort führende Protestanten und Katholiken – vor allem, aber nicht allein aus deutschsprachigen Ländern auf; ich erwähne nur Ernst-Wolfgang Böckenförde, Axel Freiherr von Campenhausen, Péter Erdö, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Wolfgang Huber, Eberhard Jüngel, Karl Lehmann, Paul Mikat, Alojzy Orszulik, Dietrich Pirson.

 

(Quelle: Hans Maier, Böse Jahre, gute Jahre", Verlag C.H. Beck, S 148 f.)